Christina Hildebrand

Studentin in Freiburg der 60er Jahre

Es war wie ein Sechser im Lotto! Ich hatte ein Zimmer in der neuerbauten Studentensiedlung ergattert, klein, aber ich bewohnte es allein! Als wir Studentinnen es bezogen (zum stolzen Preis von 75 DM), war noch gar nicht alles fertig. Nach und nach kamen die Vorhänge, ein Hocker, den wir nur den „Melkschemel“ nannten, und dann noch eine Art Sessel nach. Auf dem Flur gab es eine Dusche, im Zimmer selbst ein kleines Waschbecken, und dann die Gemeinschaftsküche. Ich konnte so wenig kochen, dass ich unter dem Hohngelächter meiner Mitbewohnerinnen nur Pfannkuchen machen konnte, und auch für die brauchte ich ein Rezept. Natürlich gab es Rangeleien, wer darf wann kochen, wer hat was nicht sauber hinterlassen, aber im Gemeinschaftsraum vor der Küche saßen und aßen wir dann einträchtig, wenn wir nicht in die Mensa an der Rempartstraße für 1,10 DM gehen wollten.

Im Zimmer nebendan wohnte Fräulein M., eine Medizinstudentin – selbstverständlich siezten wir uns lange, ehe wir zeremoniell zum „Du“ übergingen, sie trug gerne Faltenröcke und Blazer. Sie kam aus einer angesehenen Familie in Frankfurt und wurde mir eine lebenslange Freundin.

Mein Studium dagegen wurde über BVG finanziert - das hieß: Bundesversorgungsgesetz und stand denjenigen zu, deren Väter im Krieg gefallen waren – es war knapp, (ca. 280 DM im Monat), so knapp, dass ich im Englischen Seminar, das im Rotteckring 4, einem Wohnhaus, untergebracht war, „Aufsicht“ machte, d.h. ich kontrollierte (Gesichtskontrolle) die eingehenden und ausgehenden Studenten und Studentinnen, und dafür bekam ich 1,00 DM pro Stunde. Später -  sehr viel später -verdingte ich mich sogar als Aktmodell in der Kunstschule in der Fuchsstraße, aber das hielt ich völlig geheim, das sollte niemand wissen, denn ich war reichlich verklemmt –  immerhin wurde es besser bezahlt.

Im Studentenheim – wir wohnten in Haus 20, war „Herrenbesuch“ erlaubt, nicht gern, aber in Freiburg gab man sich schon damals gerne liberal – allerdings war um 22.00 unwiderruflich Schluss. Ein Pärchen, das morgens um 5 dabei ertappt wurde, wie es den Sonnenaufgang aus dem Fenster betrachtete, flog raus.

An der Uni – nach zwei Semestern in München, wo ich mich unter der riesigen Anzahl der Studenten recht verloren gefühlt hatte, bekam ich schnell Anschluss, zwei meiner ehemaligen Klassenkameradinnen waren schon hier und außerdem mein damaliger Freund, der im UZH in einem Doppelzimmer, das er mit einem persischen Studenten - Ali – teilte.

Ich führte ein durchschnittliches Studentenleben, nachdem ich meinen Anfängerfehler , viel zu viel zu belegen, eingesehen hatte. Mit Gotisch, Althochdeutsch, Altenglisch etc. und den praktischen Übungen kam ich gar nicht mehr hinterher, sodass mein selbstgemachter Stundenplan  am Ende des Semesters  durchlöchert wie ein Schweizer Käse war und der Schlendrian Einzug hielt .Das ließ mir Zeit  für Wanderungen im Schwarzwald, den Uniball, (Anzug, Krawatte und Partykleid) , Aufenthalte im Fachschaftshaus auf dem Schauinsland, den Führerschein. (Ich machte auch den Motorradführerschein, denn ich wagte nicht zu hoffen, mir jemals ein Auto leisten zu können – aber so ein Motorrollerchen, das vielleicht doch). Das Auto kaufte ich 3 Jahre später, einen VW Käfer, Baujahr `58, für  geschlagene 212,00 DM).

Vorlesung war kein Zwang, man ging hin oder nicht, und sehr beeindruckt war ich, als ich einmal eine Studentin sagen hörte: „Vorlesung morgens zum 10.00? Da muss Papa Heuer sehen, wie er ohne mich zurechtkommt“, aber nach einigen Semestern konnte ich ihre Ansicht vollkommen nachvollziehen.

In München hatte ich mich in den Proseminaren, an denen bis zu 200 Studenten teilnahmen, immer ganz klein gemacht, um nur ja nicht ein Referat halten zu müssen – was bei 15–20 Referaten sowieso unwahrscheinlich war – die Vorstellung, mich vor so vielen Leuten zu blamieren, versetzte mich in Agonie. Hier waren die Seminare kleiner, doch ich kam aus dem Staunen nicht heraus, wenn mit großer Selbstverständlichkeit auf Rimbaud (ich denke, ich studiere Anglistik?), Baudelaire etc. hingewiesen wurde – was wusste ich schon? Nichts! Aber das eine wusste ich: Den Proseminarschein brauche ich und ich begriff, wenn ich nicht spätestens – allerspätestens - in der 3. Sitzung den Mund aufmache, tu ich es nie. Und unglaublich, meine Kommentare wurden wohlwollend und freundlich aufgenommen, ich gewann an Selbstvertrauen, und auch die Noten konnten sich sehen lassen.

Leider nicht alle: Förderung nach BVG hieß auch, dass man zum Leistungsnachweis mündliche Prüfungen ablegen musste.

Kurz vor Ende meines ersten Semesters In Freiburg erhielt ich plötzlich ein Schreiben:

„Zur Weiterbewilligung der Förderung nach BVG ist die Vorlage eines Leistungsnachweises erforderlich.“ Ich machte mir keine besonderen Gedanken, pilgerte zum Studentenwerk, um dort einen Schein abzuliefern, wie ich das auch in München getan hatte, aber dort wurde ich belehrt: Leistungsnachweis heißt mündliche Überprüfung.

Oha, da wurde es ungemütlich. Ich überlegte, welche Vorlesung oder welches Seminar ich nennen konnte.

Die Vorlesung “Anfänge der Amerikanischen Literatur“ bei Professor Link hatte ich am regelmäßigsten besucht, nur die erste hatte ich verpasst, sonst immer tapfer mitgeschrieben, wenn auch nie nachgearbeitet. Ich sprach beim Assistenten und dem Professor selbst vor und meldete mich an. Ein richtig gutes Gefühl hatte ich nicht, denn Prof. Link musterte mich sehr kritisch und ich verließ die Sprechstunde mit erheblichen Selbstzweifeln.

Nun wälzte ich die angegebene Sekundärliteratur, beschäftigte mich mit noch so unbedeutenden Autoren, der Tag der Prüfung kam heran.

Ich zog das kleine türkise Kostüm an, und steckte die Haare zu einem Dutt.

In dem Augenblick, als ich das Prüfungszimmer betrat und den äußerst kritischen Blick von Prof. Link  auf mich gerichtet sah, wurde mir bewusst, dass auf dem Kostümrock ein Fleck war, und dass mein Dutt schief saß, aber das war nun nicht zu ändern.

Die erste Frage war: „Was ist Literatur?“  Ich war verunsichert: Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet, denn daran haben sich schon ganz andere Geister als ein Drittsemester die Zähne ausgebissen. Tapfer setzte ich zu einer Definition an, die Prof. Link mit einem Satz in der Luft zerfetzte. Ich versuchte es von neuem, und wieder zerschmetterte er meine Definition, ich wich immer weiter zurück, bis er mich soweit hatte, dass ich kleinlaut alles Geschriebene als Literatur bezeichnete. „Auch Kochrezepte?“ fragte er maliziös. Darauf hatte ich natürlich keine Antwort. Ich war den Tränen nahe. Wie ich später erfuhr, hatte er in der ersten Vorlesung, der einzigen, die ich versäumt hatte, eine Definition von Literatur gegeben, und die hätte er wohl gerne von mir gehört.

Darauf befragte er mich zur frühen amerikanischen Literatur und verlangte die Übersetzung von Gedichten, die  Dinge wie alle Teile eines Spinnrades beschrieben und ich versagte, weil ich mich bei der Vorbereitung auf die Sekundärliteratur konzentriert hatte und diese Vokabeln weder im Englischen noch im Deutschen kannte.

Irgendwann war auch diese Prüfung zu Ende, ich wankte hinaus. Das BVG wurde mir zwar für das folgende Semester bewilligt, aber Prof. Link muss eine katastrophale Beurteilung geschrieben haben, denn gleich im folgenden Semester musste ich mich einer weiteren Prüfung unterziehen, und jeder Sachbearbeiter im Studentenwerk fragte mich bei der nächsten und allen anderen Prüfungen: „Was haben Sie nur im 3. Semester bei Professor Link angestellt?“

Wir sagen Danke

Unser Jubiläum ist nicht nur ein großartiger Moment zum Feiern, sondern auch um DANKE zu sagen - und zwar an euch Studierende:

  • Danke für euren Semesterbeitrag – er hilft solidarisch allen Studierenden und ist damit euer konkreter Anteil für mehr Chancengerechtigkeit!
  • Danke für euren produktiven Druck und die konstruktive Zusammenarbeit – sie hilft uns nicht nur, uns stetig weiterzuentwickeln und erfolgreich zu wirtschaften, sondern auch mehr finanzielle Förderung vom Land zu fordern, damit Studieren für alle erfolgreich gelingt!
  • Und das Wichtigste zum Schluss: Danke für die Lebendigkeit, die Freude und die Weltoffenheit, die ihr in die Region bringt – dank euch pulsiert das Leben!

Und das ist großartig! DANKE!

Auf in die nächsten 100 Jahre:
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