Eberhard Fugmann

Oktober 1973 – Aufbruch in eine selbstbestimmte Zeit!

Das Leben in einer streng konservativen Familie, die Sozialisation im Dorf, die Prägung durch begnadete ebenso wie überforderte, zur Ungerechtigkeit neigende Pädagogen, ein Jahr „Befehl und Gehorsam“ in der Eifel gingen im Herbst 1973 zu Ende. Natürlich schwangen neben Vorfreude auch Bedenken mit: Funktioniert die Selbstversorgung und –verpflegung als Bewohner eines Studentenzimmers? Bin ich den Anforderungen des Studiums gewachsen? Wie lebt es sich überhaupt in Freiburg, das ich als gebürtiger Lahrer zwar schon einmal gesehen, aber nie wirklich erlebt hatte?

Die Erinnerungen sind vielfältig und haben sich fest eingeprägt: Die Freiburger Innenstadt roch beim vorbereitenden Besuch im Sommer 1973 noch nach bleihaltiger Luft, „Kajo“ und Bertoldsbrunnen litten unter einem permanenten Verkehrsstress, noch gab es keine Fußgängerzone… Als ich im Oktober zum ersten Mal die neogotisch anmutende Uni-Bibliothek (das heutige Kollegiengebäude IV) betrat, war das ein kleiner feierlicher Akt. Beim Eintritt in den fast sakral anmutenden Lesesaal wurde mir bewusst: „Jetzt bist Du Student der Anglistik und Germanistik“; nicht mehr der Schüler, der sich mit zum Teil ungeliebten Inhalten herumschlagen musste…

Freiheit, Emanzipation, Unabhängigkeit im Denken - dieses neue Lebensgefühl bestand aus vielen Facetten. Statt im Englischunterricht der Oberstufe (noch Klassen-, kein Kurssystem) „Macbeth“ oder „The Power and the Glory“ stupide zeilenweise ins Deutsche übertragen zu müssen, konnte ich mich mit zeitgenössischen gesellschaftskritischen Autoren wie Harold Pinter, Edward Bond oder Tom Stoppard auseinandersetzen. In der Germanistik lernte ich zum ersten Mal das Lernen in Arbeitskreisen kennen. Das „Duzen“ der Professoren der „Koordinierten Lehrveranstaltung“ (KLV) fiel mir zunächst noch schwer…aber hier mutierte ich zum politisch denkenden Studenten. Wann, wenn nicht jetzt? Die Ölkrise im Herbst 1973 rückte die Abhängigkeit von arabischen Staaten und Großkonzernen ins Bewusstsein. Die Germanistik der Universität Freiburg bot eine ideale Plattform, sich mit geopolitischen Strukturen, der politischen Weltlage und unserer Determiniertheit auseinanderzusetzen. Statt sich einen „bürgerlich-reaktionären Literaturkanon“ zu erschließen oder Essays zu schreiben, verfassten wir Pamphlete und Flugblätter, diskutierten in jeder Ecke des Kollegiengebäude III - wir versuchten, uns vor Ort dagegen aufzulehnen.

Aber der Herbst 1973 bestand nicht nur aus Studium und dem Interesse an Politik!

Es war das sprichwörtliche Studentenleben, das einfach Spaß machte: Abendessen in der Mensa II (Lieblingsgericht: Wurstsalat und Pommes), mittwochs trafen wir uns: eine Gruppe aus den verschiedensten Fakultäten zum Stammtisch im „Großen Meyerhof“. Auf dem Sportplatz beim Kloster St. Lioba wurde „gekickt“, wir unternahmen Fahrten ins Markgräflerland zum traditionellen Spanferkelessen, hin und wieder besuchte ich ein Heimspiel des Freiburger FC…
Und wir genossen „Freiburg bei Nacht“: Auch damals sprach man vom Bermuda-Dreieck: „Alter Simon“, „Canapee“ und „Pendel“, „Roter Punkt“, „Tangente“ und Parabel“ … vor allem das „Caveau“ mit Hans Albers‘ „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins…“ ließen uns hin und wieder die Nacht zum Tag machen.

Rückblickend betrachtet war der Studienbeginn im Oktober 1973 eine Zeit der persönlichen Weiterentwicklung, einer herbeigesehnten Freiheit, eine Zeit neuer Denkansätze in (gesellschafts)politischen Fragen, eine Zeit des Aufbruchs und eines damals begonnenen, nie aufgegebenen emanzipatorischen Denkens…das ich mein gesamtes Berufsleben über als pädagogischen Impuls an Schülerinnen und Schüler weiterzugeben versuchte.

Wir sagen Danke

Unser Jubiläum ist nicht nur ein großartiger Moment zum Feiern, sondern auch um DANKE zu sagen - und zwar an euch Studierende:

  • Danke für euren Semesterbeitrag – er hilft solidarisch allen Studierenden und ist damit euer konkreter Anteil für mehr Chancengerechtigkeit!
  • Danke für euren produktiven Druck und die konstruktive Zusammenarbeit – sie hilft uns nicht nur, uns stetig weiterzuentwickeln und erfolgreich zu wirtschaften, sondern auch mehr finanzielle Förderung vom Land zu fordern, damit Studieren für alle erfolgreich gelingt!
  • Und das Wichtigste zum Schluss: Danke für die Lebendigkeit, die Freude und die Weltoffenheit, die ihr in die Region bringt – dank euch pulsiert das Leben!

Und das ist großartig! DANKE!

Auf in die nächsten 100 Jahre:
Du studierst - wir machen den Rest!

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