Edith Lamersdorf

*1964, bis 2019 Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Freiburg, aktuell Leiterin des Referats Fördertätigkeit und Stiftungskommunikation bei den Stiftungen der Erzdiözese Freiburg

Erwinstraße 55, 7800 Freiburg

Freiburg war meine Rettung. Als gebürtige Hamburgerin war ich nach dem Abi und einem knappen Jahr in Rom nach Tübingen zum Studieren gegangen. Hier traf mich ein größerer Kulturschock als Hamburg-Rom. Die Mentalität verstand ich überhaupt nicht. Also so schnell wie möglich umziehen nach Freiburg, das ich aus Ausflügen zu alten Schulfreund*innen kannte. Hier gab es mehr Platz, mehr Luft zum Atmen, mehr Menschen von überall her.

Ich hatte Glück, in der Erwinstraße 55 wurde ein Zimmer in der WG im Erdgeschoss frei. Das Haus war gewerblich zwischengemietet vom Studentenwerk, wie es damals noch hieß. Die Miete war günstig, und ich durfte hoffen, dass sich meine Wünsche nach einer wilden Student*innenzeit endlich erfüllten. Denn das Haus war während der Studentenunruhen Anlaufpunkt gewesen, auch Radio Dreyeckland sendete illegal aus dem Haus. Als ich 1988 kam, wehten noch anti-AKW-Banner an den Balkonen und zumindest die Geschichten der älteren Bewohner*innen klangen nach Revolution. Inzwischen waren alle etwas bürgerlich-beruhigter geworden. Aber man nahm mich zu den Partys in den letzten besetzten Häusern mit. Dies und anderes - Legales! - führte dazu, dass die fünf Jahre dort für mich tatsächlich die ersehnten „echten“ Studi-Zeiten wurden, von denen man später mit glänzenden Augen erzählt.

Dazu gehörten die jährlichen großen Partys vor Weihnachten. Sie sind bis heute legendär. Unsere 5-er WG lud in die große Wohnung mit langem Flur, großzügigen Zimmern und geräumiger Küche ein. Wir verteilten s/w kopierte Einladungen, dekorierten die Wohnung mal als altes Rom, mal in Glitzer oder in drei Farben und räumten das größte Zimmer zum Abrocken leer. Jedes Mal kamen fast hundert nach dem ausgegebenen Motto gekleidete Leute und ließen es bis in die Morgenstunden krachen. Viele Paare fanden sich dabei, sogar gleichgeschlechtliche, damals noch sehr neu, zumindest in der Offenheit. Wenn ich mir die Gästeliste rückwirkend anschaue, sind trotz reichlich Alkohol und sonstigen Exzessen die meisten Menschen doch noch was Ordentliches geworden: Sie leiten wichtige Stiftungen, Museen, Redaktionen großer Tageszeitungen oder Kommunikationsabteilungen von Verlagen, Städten und Medienkonzernen. Andere wurden Bürgermeister*in, preisgekrönte Übersetzer, arbeiten an Unis, in Schulen, Archiven, Lektoraten und Krankenhäusern oder gründeten eigene Unternehmen. Damals alles so nicht absehbar. Denn natürlich feierten wir nicht nur, sondern hatten auch so unsere handfesten Krisen: Im Leben, in der Liebe, im Studium und überhaupt.

Aber die Jahre an der Uni gaben uns den Freiraum, gedanklich Dinge zu durchdringen, Grundlagen in Philosophie, Literatur oder politischer Theorie kennen zu lernen oder in selbst gegründeten AKs Themen zu erobern, die an der Uni nicht vorkamen. Und Gleichgesinnte zu finden. So trafen wir uns beim Uni-Streik im WS 1988/89 im AK Wissenschaft zum Durchackern der Theorien gegen die Postmoderne, besuchten 1990 die Geschichtsfakultät im noch von Braunkohle gelben und riechenden Leipzig oder gründeten das Forum Feministische Geschichtswissenschaften. Die Uni ent-anonymisierte sich für mich durch Jobs als Tutorin und HiWi. Und so prägte mich diese Zeit entscheidend, was nicht zuletzt durch die damals gewonnenen Freund*innen bis heute trägt.

Wir sagen Danke

Unser Jubiläum ist nicht nur ein großartiger Moment zum Feiern, sondern auch um DANKE zu sagen - und zwar an euch Studierende:

  • Danke für euren Semesterbeitrag – er hilft solidarisch allen Studierenden und ist damit euer konkreter Anteil für mehr Chancengerechtigkeit!
  • Danke für euren produktiven Druck und die konstruktive Zusammenarbeit – sie hilft uns nicht nur, uns stetig weiterzuentwickeln und erfolgreich zu wirtschaften, sondern auch mehr finanzielle Förderung vom Land zu fordern, damit Studieren für alle erfolgreich gelingt!
  • Und das Wichtigste zum Schluss: Danke für die Lebendigkeit, die Freude und die Weltoffenheit, die ihr in die Region bringt – dank euch pulsiert das Leben!

Und das ist großartig! DANKE!

Auf in die nächsten 100 Jahre:
Du studierst - wir machen den Rest!

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