Adrienne Goehler

*1955, ehemalige Präsidentin der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, ehemalige Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Berlin, aktuell Publizistin und Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds in Berlin

Mein Bohème-Freiburg

Freundlich-warmer Herbst 74, der erste Studientag, in allen Hörsälen Werben um uns, die Neuen. Mitten im verunsichernden Vielzuviel treffen Sabine M. und ich aufeinander, das ist bis heute so. Ab jetzt also Studium der Germanistik und Romanistik, Lehramt. Mit der festen Absicht, darüber den Weg neben Psychologie und Medizin zur Psychoanalytikerin für Jugendliche zu gehen.

Erich Köhler, Wolfgang Brandt, Hans-Martin Gauger in der Romanistik, Wolf
Wucherpfennig, Carl Pietzcker, Hans Peter Herrmann in der Germanistik; allesamt kluge, unterschiedlich stark von 68 beeinflusste, durchweg männliche Professoren, männlichen literarischen Vorbildern verpflichtet, gelegentlich mit dem eigenen Männerbild hadernd.
Dazu gesellten sich dann noch an der akademischen Seitenlinie Johannes Cremerius ("Freud und die Dichter"), Walter Moßmann ("Barde der Anti-AKW-Bewegung"), Klaus Theweleit ("Männerphantasien").

Bei so viel narzisstischer Männlichkeit war es zwingend, die Geschlechterverhältnisse zu studieren und praktisch umzukrempeln. Dafür bildeten eine Handvoll Feministinnen aus 2-3 Wohngemeinschaften mit den Rädelsführerinnen Traute Hensch, Sully Roecken, Mechthild Fuchs u.a. die lust- und streitvolle Gegenwelt im Frauenzentrum. Dort haben wir neben dem Abtreibungsverbot auch die aufziehenden ebenfalls männlich dominierten K-Gruppen seziert. Einer davon hatte auch ich mich wegen revolutionärer Ungeduld angeschlossen; der vom Denkansatz her sehr coolen, aber von der Praxis verheerenden, zerstörerischen MRI, aus der ich zu meinem Glück bald wegen Fehlverhalten ausgeschlossen wurde.

Trotzdem: Für mich war das Freiburg zwischen 74-78 die Zeit, in der alles durchlässig und miteinander verwoben war: Studium, Psychoanalyse, Marxismus, Kommunismus, Existenzialismus, Simone de Beauvoir, Clara Zetkin, Dreiecksbeziehungen, Wohngemeinschaften, Feminismus, Demos, Go-ins, Teach-Ins, klitoraler und vaginaler Orgasmus, "Häutungen" von Verena Stefan, Christa Wolf,
die Chansons von Barbara, die Frauenbeziehungen von Kafka und die Liebe zwischen Rimbaud und Verlaine:  Alles wurde gleichzeitig verhandelt zwischen Seminarraum, Straße, Baggersee, Weinlokal, Jos Fritz, Joint und Bett.

Wir haben uns verschwendet, treiben lassen, uns neu erfunden, hingegeben.

Erstaunlicherweise habe ich darin die Zwischenprüfung, ein DAAD-Auslandsjahr in Frankreich und danach eine wichtige Zeit in Westafrika untergebracht. Aber mein Bohème-Freiburg habe ich nach diesen befreienden und herausfordernden kulturellen Erfahrungen nicht mehr gefunden; das Laboratorium für Anderes, die Germanistik, war von Berufs- und Denkverboten belauert.
Nur die Studentinnen der Romanistik trugen unbeeindruckt von allem weiterhin Twinset, Foulard und Perlenkette.

Wir sagen Danke

Unser Jubiläum ist nicht nur ein großartiger Moment zum Feiern, sondern auch um DANKE zu sagen - und zwar an euch Studierende:

  • Danke für euren Semesterbeitrag – er hilft solidarisch allen Studierenden und ist damit euer konkreter Anteil für mehr Chancengerechtigkeit!
  • Danke für euren produktiven Druck und die konstruktive Zusammenarbeit – sie hilft uns nicht nur, uns stetig weiterzuentwickeln und erfolgreich zu wirtschaften, sondern auch mehr finanzielle Förderung vom Land zu fordern, damit Studieren für alle erfolgreich gelingt!
  • Und das Wichtigste zum Schluss: Danke für die Lebendigkeit, die Freude und die Weltoffenheit, die ihr in die Region bringt – dank euch pulsiert das Leben!

Und das ist großartig! DANKE!

Auf in die nächsten 100 Jahre:
Du studierst - wir machen den Rest!

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